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03.05.2007
Vom Floß-Füßigen See-Wurm mit dem Schilde

-Erfassung der Urzeitkrebse im Biosphärenreservat Mittelelbe-

Der erste Naturwissenschaftler, der sich mit Beschreibung, Klassifikation und Biologie bis dahin nicht einmal Zoologen bekannter Arten aus der Gruppe der Kleinkrebse innerhalb der  Ordnung der Gliedertiere befasste, war J. L. Frisch (1666-1743). In diese Erstbeschreibung, der oben genannte Textstelle entnommen wurde, gingen die damals noch sehr spärlich vorhandenen Kenntnisse über Feenkrebse und Rückenschaler ein. Man darf heute die Bezeichnung“ Wurm“ nicht allzu wörtlich nehmen, damals wurde unter diesem Begriff alles subsummiert, was nicht Käfer, Fisch, Vogel oder Säugetier war. Es war die Zeit der stürmischen Entfaltung der Naturwissenschaften im Zuge der Aufklärung und die Fachrichtungen Zoologie, Botanik begannen ihre eigenständige Entwicklung und sich von der Medizin zu emanzipieren.
In der Erstbeschreibung von 1732 wurde der auch im Gebiet der Mittelelbe vorkommende Lapidurus apus-ein Rückenschaler aus der Klasse der Krebse- beschrieben und abgebildet. Wir wissen heute schon mehr über diese Gruppe urtümlicher Krebstiere, die weltweit Extrembiotope besiedeln.

Aber schon ihre Paläontologie - die Spuren ihrer Anwesenheit auf der Erde im Laufe der Zeitskala -birgt noch Unbekanntes. Erste Fossilien ließen sich aus dem Oberkarbon vor rund 300 Millionen Jahren  nachweise, um alsbald in der Erdgeschichte im Tertiär wieder spurlos zu verschwinden. Man kann davon ausgehen, dass diese in Bezug auf Form und Lebensweise sehr konservativen Tiere auch die weiteren 200 Millionen Jahre auf unserem Planeten lebten,  nur blieben aus dieser Zeit keine Spuren ihrer Lebensweise auffindbar. Dabei eignet sich ihre markante Körpergliederung in Kopfregion mit Antenne, Carapax (Brust)und Schwanz und die Ablagerund ihrer hartschaligen Körperhülle im Schlamm austrocknender Tümpel vorzüglich zur Einbettung und Fossilisation.
Seit also 300 Millionen Jahren leben sie, soviel ist sicher, als eine artenarme Tiergruppe an Stellen, die die meisten anderen Tierarten meiden. Gletscherseen auf Grönland, warme Tümpel in den Tropen, stark salzhaltige Gewässer oder ephemere (zeitweise vorhandene) Wasseransammlungen, die alsbald austrocknen, sind die Lebensräume, in denen sie ihr kurzes, nur auf Tage oder Wochen begrenztes Leben von der Larve über den geschlechtsreifen Krebs bis zum Tod vollenden. Diese ökologische Nische mit all ihren Risiken und Unwägbarkeiten haben  sie bisher erfolgreich besetzen können dank der Überlebensstrategien. Die wohl entscheidende verbirgt sich in den widerstandsfähigen Dauereiern, die alle Widrigkeiten der Evolutionsgeschichte gespeichert zu haben scheinen. Weder Dauerfrost noch Hitze, Austrocknung im Zeitraum eines halben Menschenlebens, noch UV-Strahlung, Druck, Bakterien oder Pilze können diesen Eiern etwas anhaben.
Verschlechtern sich die ökologischen Verhältnisse im Lebensraum, beispielsweise in einem Druckwassergespeisten Tümpel in der Elbaue, bilden die Tiere diese überlebensfähigen Dauerstadien, die, einbettet in den Schlamm, nach erneuter Überflutung die Larvenstadien schlüpfen lassen. Innerhalb weniger Tage wachsen die Larven zu Erwachsenen heran, natürlich unter der Voraussetzung, genügend Nahrung zu finden, wobei sie verständlicherweise nicht wählerisch sein können. Auch bei der Paarung der inzwischen mehrfach gehäuteten Kleinkrebse geht es turbulent zu und das Gewimmel in einem voll besetzten Tümpel erinnert an quirlige Kaulquappen unserer Frösche und Kröten. Nur dem aufmerksamen Beobachter erschließen sich diese Vorkommen, mit denen in der Aue nach Frühjahrshochwassern, in Erlenwäldern, in Fahrspurrinnen auf ehemaligen Truppenübungsplätzen und sogar auf vernässtem  Grünland gerechnet werden kann. Bei Steckby fanden sich sogar einzelne Vorkommen auf kurzfristig überstauten Ackerflächen!
Die größten Arten der Feenkrebse und Rückenschaler sind mit knapp drei Zentimeter Körperlänge nicht so winzig, dass man sie übersehen könnte. Aber ihr sporadisches Auftreten- mitunter fehlen jahrelang Nachweise, wenn die passenden ökologischen Bedingungen nicht vorhanden sind- und die unauffällige Färbung auf dem schlammigen Gewässergrund sind eine Erklärung dafür, warum selbst eifrige Naturbeobachter und Fachleute diese Tiere nur sehr selten zu sehen bekommen.
Beide Gruppen, die Rückenschaler oder Blattfüßer (Notostraca) und die Feenkrebse oder Kiemenfüßer (Anostraca) sind morphologisch sehr unterschiedlich. Während die Feenkrebse mit ihrer zarten Gestalt und der durchsichtigen Haut, die  die Sicht auf Organe erlaubt, wirklich an zarte Feen erinnern, wirken die gedrungenen, kräftigen Rückenschaler wie Miniaturausgaben von Pfeilschwanzkrebsen urzeitlicher Meere.
Diese Rückenschale wird gebildet aus zwei embryonalen Anlagen, die im Laufe der Entwicklung zu einer den Körper schützenden Schale verwachsen und beim Blick von oben nur Schwanz und die Anhänge sichtbar werden lassen.
Gemeinsames Merkmal der Feenkrebse ist ein Organ, das an vielfältiger Funktion und Anforderungen  im Tierreich seinesgleichen sucht. Die Schwimmbeine der Kleinkrebse übernehmen den Vortrieb, sorgen  mit den am Beinansatz entwickelten Kiemen für die Sauerstoffversorgung und transportieren mittels ihrer gleichförmigen, synchronen Schlagfrequenz das Einstrudeln der Nahrung in die so genannte Nahrungsrinne. Von hier wird die Nahrung - Einzeller, Bakterien oder Wasserflöhe- in den Verdauungstrakt gespült.
Dagegen haben die Rückenschaler eine Mundöffnung mit Kauapparat, die wahrhaftig alles verschlingen kann, was an kleineren Lebewesen im Wasser wimmelt. Sind Bakterienrasen vorhanden, können diese abgeweidet werden - genauso, wie es Schafe oder Rinder auf der Weide tun.
Wenn nach der Schneeschmelze die Flüsse der europäischen Auen über die Ufer treten oder Sickerwasser die Deiche durchdringt, sind schon ab März die ersten Formen, die Frühjahrsarten wie Lepidurus apus oder Siphonophanes grubei ,zu beobachten.
Überstehen die wassergefüllten Tümpel den Frühsommer, kann es sogar zur Ausbildung einer weiteren Sommerpopulation mit anderen Arten  wie Triops cancriformis oder Branchipus schaefferi kommen.
In diesem Frühjahr werden die Urkrebse wohl warten müssen, weil Hochwasser ausblieb und die seit dem Frühlingsbeginn herrschende Trockenheit die wenigen Tümpel längst versiegen ließ.
Im Biosphärenreservat Mittelelbe werden die Vorkommen der hier verbreiteten vier Arten kartiert und die Ergebnisse an Wissenschaftler der Universität Halle weitergeleitet. In den Kartierungszentralen der BRD laufen die Ergebnisse der Bundesländer zusammen und aus den Vergleichen über Anzahl beobachteter Tiere und ihrer Lebensräume werden Tendenzen sichtbar, die dann in geeignete Naturschutzmaßnahmen zum Schutz der Auengewässer münden oder zur Aktualisierung von „Roten Listen“ herangezogen werden.
Obwohl Feenkrebse und Rückenschaler unscheinbare Arten unserer Auen und Feuchtwälder sind und diese - wie bereits angedeutet- auch nur kurze Zeit besiedeln, sind sie Indikatorarten für naturnahe Flussabschnitte. Nur dort, wo die Dynamik von Hochwasser für Lebensraumvielfalt sorgt, können diese lebenden Fossilien in der Landschaft überleben. Deshalb kommt dem Schutz noch naturnaher Flussabschnitte von Elbe, Saale, Mulde und Havel eine große Bedeutung auch für den Erhalt dieser hochinteressanten Tiere zu.