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19.10.2006 | |
| In den letzten Jahren wurde die Erfassung der im Biosphärenreservat „Mittelelbe“ heimischen Tierarten ständig erweitert und, je nach den vorhandenen Möglichkeiten, auch auf die in der Bevölkerung weniger populären Spinnentiere ausgedehnt. Dass in und an den Flüssen Mulde, Saale und Elbe nicht ausschließlich bekannte Tierarten wie Biber, Fischotter und zahlreiche Vogelarten leben, klingt banal. Was sich aber zwischen Uferbegleitenden Röhrichten, Staudenfluren und Kiesbänken bei Niedrigwasser tatsächlich aufhält, kann nur näherungsweise in langwierigen und jahrelangen Feldstudien und Untersuchungen ermittelt werden. Dabei sind es vor allem Spinnentiere, Laufkäfer und sonstige Gliedertiergruppen, die immer wieder für Überraschungen sorgen. Jeder Fluss hat seine Geschichte und zu den besonders bemerkenswerten und interessanten Zeugen seiner Vergangenheit gehören die Binnendünen, die als kaum wahrnehmbare Höhenzüge den historischen Flusslauf verraten. Diese Relikte aus der Eiszeit beherbergen eine besonders an Wärme und Trockenheit angewie-sene Tierwelt. Zu den Bewohnern solcher trockener, sandiger Lebensräume gehört die abgebildete Röhrenspin-ne, die es an Farbenpracht und interessanter Lebensweise mit den viel bekannteren, tropischen Vogelspinnen aufnehmen kann - bis auf ihre unscheinbare Größe. Unsere Röhrenspinne ist ein David gegen die Goliathe der Tropen; mit Körperlängen zwischen acht und fünfzehn Millimetern braucht man schon einen geübten Blick, um sie zwischen Gras und Kräutern im Gelände erken-nen zu können. Bisher war diese einzige Art der Familie der Röhrenspinnen aus dem Landschaftsraum Elbe un-bekannt und die Verbreitungsgebiete verzeichneten ihre Vorkommen in den wärmebegünstigten Landstrichen des Schichtstufenlandes um Freyburg - Naumburg, an den Südhängen der Gips-landschaft des Südharzes und des Kyffhäusers. Weiter südlich nehmen Vorkommen und Häufig-keit zu und im Mittelmeerraum wird diese eher unscheinbare Art von einer wesentlich größeren abgelöst. Dank des sonnigen Herbstwetters der vergangenen Wochen gelang in der Oranienbaumer Heide im Biosphärenreservat „Mittelelbe“ der Handfang eines prächtig gefärbten Männchens. Die Weib-chen sind etwas größer und einfarbig schwarz; selbst eine auffälligere Färbung würde sie nicht verraten. Sie leben im Unterschied zu den vagabundierenden Männchen zurückgezogen in ihren Wohnröhren, die bis zehn Zentimeter in den Boden gegraben werden und sich nur dem Kenner durch ein feines Gespinst des Fangschlauches zu erkennen geben. Wenn nach der Eiablage und der Brutfürsorge - das Weibchen transportiert den Kokon an die Erdoberfläche und setzt so die Eier der Sonnenstrahlung aus- die Spinnenmutter stirbt, dient ihr Körper als Nahrungsreservoir für die in der Röhre schlüpfenden Jungtiere. Kolonieweise Überwinterung und ein Lebensalter von mehr als drei Jahren sind weitere Besonderheiten dieser Röhrenspinne. Kein Wunder, dass diese interessanten Aspekte ihrer Vermehrungsbiologie gemeinsam mit der auffälligen Färbung schon immer Naturfreunde und Spinnenforscher fesselten. Umso mehr fallen die Kenntnislücken bei den etwa 320 Spinnenarten, die im Elbegebiet verbreitet sind, ins Gewicht. So wurde erst kürzlich ein individuenreiches Vorkommen einer auf der Gewässeroberfläche jagenden Listspinne bei Barby entdeckt, diese zu den größten Jagdspinnen zählende Art galt bisher in Sachsen-Anhalt als vom Aussterben bedroht. Die Röhrenspinne gilt in Sachsen-Anhalt nach der aktuellen Roten Liste als „gefährdet“ und genießt aufgrund ihrer nur sehr begrenzten Verbreitung in der BRD gesetzlichen Schutz. | |